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Das Messertuch

Ich konnte bis jetzt noch nicht nachvollziehen, wann genau es verschwunden ist. Aber das Messertuch kann man heute getrost zu den ausgestorbenen Textilarten zählen. Wahrscheinlich fällt sein Tod mit dem Aufkommen der Spülmaschine zusammen.

Bei Henriette Davidis sind die Spülmaschinen noch aus Fleisch und Blut – und deshalb auch lernfähig (heute ist das globalisierte Dienstmädchen deutlich älter und hat einen Hochschulabschluss). Deshalb legt sie in ihrem Hausfrauenratgeber auch so großen Wert darauf, den Hausmädchen möglichst früh und nachhaltig das Schüsselnspülen (damit ist nicht das Spülen von Schüsseln gemeint, sondern das Spülen mit Hilfe von Schüsseln) beizubringen:

Die wenigsten Dienstmädchen verstehen ein ordentliches Schüsselnwaschen, denn es giebt keine häusliche Arbeit, welche im Allgemeinen so mangelhaft geschieht. Darum ist es unumgänglich nothwendig, daß die junge Hausfrau ein ungeübtes Mädchen dazu anleite und dann häufig nachsehe.

Einer der wichtigsten Punkte ist dabei, dem ungeübten Mädchen den Umgang mit den unterschiedlichen Tüchern des ordentlich geführten Haushalts beizubringen. Häufig sind es vier. In einem amerikanischen Lehrbuch über die deutsche Kultur aus dem Jahr 1914 wird den Sprachschülern dann auch beigebracht:

An dem Brett sind vier kleine Schilder. Auf dem ersten Schild steht “Messertuch”, auf dem zweiten steht “Tellertuch”, auf dem dritten steht “Gläsertuch” und auf dem vierten steht “Handtuch”.

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass diese Einführung in die deutsche Kultur mit hauswirtschaftlichen Mitteln ein bisschen an ein romantisches Kunstmärchen erinnert. Man könnte hier an eine arme Dienstmagd denken, die in den Haushalt einer reichen Dame gekommen ist und nun vor den vier Haken steht, an denen vier unterschiedliche Tücher hängen. In diesem Moment muss sich das Mädchen wie an einer Kreuzung für einen der Wege entscheiden. Und natürlich wird sie erst die vier falschen Wege einschlagen, bis sei schließlich mit Hilfe des Messertuchs dann doch zu ihrem Königssohn findet.

So könnte es im Märchen gewesen sein. Im sauber geführten Haushalt der Kaiserzeit diente das Messertuch allerdings einem anderen Zweck. Messer waren scharf und rosteten immer wieder, so dass dieses Messertuch sehr schnell nicht mehr so adrett ausgesehen hat wie das oben abgebildete Beispiel, das bis jetzt vor allem mit nicht-rostenden Bruckmann-Klingen des frühen 20. Jahrhunderts in Berührung gekommen ist (wie zum Beispiel dem 1922 von Josef Michael Lock entworfenen Kornmusterbesteck 600). Hierzu noch einmal Davidi:

Es ist ein wahrer Mißbrauch, Gabeln und Messer an Tellertüchern abzutrocknen, weil dadurch häufig Rostflecken, wohl gar Schnitte entstehen und solche gar nicht ordentlich erhalten werden können. Ein weißes, sauberes Tellertuch aber ist eine Zierde in der Küche.

In dieser Vergangenenheit, in der Silberlöffel, vergoldete Tassen, Dienstmädchen im Haus und Hühner davor als Grundausstattung des bürgerlichen Haushalts vorausgesetzt werden konnten, ist das Geschirrtuch nicht wie heute ein Lumpen, den man im 10er-Pack in schwedischen Möbelhäusern mitnimmt, sondern ein die Küche verschönerndes Objekt voller geschmackvoller Nettigkeit und Sauberkeit, das der Erhöhung ihrer Annehmlichkeit dient (so die Definition von Zierde zu Davidis Zeit).

Heute bietet der Textilhandel nur noch Geschirrtücher, mit denen dann vermutlich gleichermaßen Messer, Teller, Irdenes, Gläser, silberne Löffel und sogar Hände abgetrocknet werden sollen? Nur noch auf Emailschildchen findet man heute das zur nostalgischen Erinnerung verblassten Messertuch noch ab und zu. Am liebsten mit langem S, denn das sieht noch altmodischer aus. Dazu passend könnte man doch gleich auch noch den Begriff der “Gesindeordnung” als Ersatz für “Hartz IV” wiederbeleben.

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Mode oder Kleidung?

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“Im Zeitalter der ansteigenden Ohnmacht des subjektiven Geistes gegenüber der gesellschaftlichen Objektivität meldet Mode deren Überschuß im subjektiven Geist an, diesem schmerzhaft fremd, aber Korrektiv der Illusion, er bestünde rein in sich. Mode hat gegen ihre Verächter als Stärkstes anzuführen, daß sie an der triftigen mit Geschichte gesättigten individuellen Regung partizipiert; paradigmatisch im Jugendstil, der paradoxen Allgemeinheit eines Stils der Einsamkeit….Kunst, als Schein, ist Kleid eines unsichtbaren Körpers. So ist Mode Kleid als Absolutes.”
(Adorno, Ästhetische Theorie)

Warum haben wir diesen Blog Slow Fashion und nicht Slow Clothing genannt? Eine Mode ist ja nun definitionsgemäß etwas, dass viele (die Mehrheit?) der Menschen innerhalb einer Kultur als á la mode actuelle, als zeitgemäß empfinden. Auch wenn damit noch nicht notwendiger Weise gemeint ist, dass eine Mode schon nach wenigen Wochen unmodern werden muss, so steht das Zeitgemäße immer im Gegensatz zum Zeitlosen, zum Klassischen, dem Indémodable.

Kleidung ist ein funktionaler Begriff. Unter dem Gesichtspunkt der Kommunikation und Kultur ist das Tragen von Kleidung das Gegenteil zum Nacktsein. Durch Mode aber drücken wir uns aus, zeigen uns zu anderen zugehörig, während wir uns von anderen differenzieren. Kleidung steht zur Mode wie Ernährung zur Küche. Kultiviertheit und Geschmack drücken sich in beiden Fallen nicht nur durch Stil aus – und zu gutem Stil gehört natürlich, auf die Herkunft und Ethik zu achten – sondern auch durch Mode, mit der wir unseren Stil variieren und in einen zeitlichen Zusammenhang setzen.

Meine Großmutter nähte sich ihre Kleider selbst, wie viele Frauen ihrer Generation. Oft wurden die Kleider nur für einen einzigen Anlass, ein einziges Fest genäht. Und zwar selbstverständlich nach der neusten Mode. Das besondere Kleid war – wie das besondere Essen – Zeichen der Wertschätzung und Achtung des Anlass und seiner Gäste. Anregungen lieferten die Modezeitschriften, die hier keineswegs eine nie erreichbare Traumwelt von Models in Laufsteg-Kollektionen präsentieren, sondern ganz handfest als Ideengeber für die eigene Kreativität dienen. Genähtes wie Gestricktes wurde nach kürzerer Zeit wieder aufgetrennt und umgearbeitet. In diesem Spannungsfeld zwischen Sorgfalt und Flüchtigkeit bewegt sich Slow Fashion.

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Die Hüllen, die uns umgeben

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Le beau est fait d’un element eternel, invariable, dont la quantite est excessivement difficile a determine, et d’un element relatif, circomstancial, que sera si l’on veut, tour a tour ou tout ensemble, l’epoque, la mode, la moral, la passion. Sans ce second element, que est comme l’enveloppe amusante, titillant, aperitive, du divin gateau, le premier element serait indigestible, inappreciable, non adapte et non approprie a la nature humaine. Je defie qu’on decouvre un echantillon quelconque de beaute que ne contienne pas ces deux elements.
(Baudelaire, Le Peintre de La Vie Moderne)

Das Wort Kultur leitet sich ab vom Lateinischen: pflegen, wohnen, bebauen. Die erste Form der menschlichen Kultur ist wohl das Kochen. Wir Menschen leben schon seit mehr als eineinhalb Millionen Jahren von gekochtem – lange genug, dass sich unser Körper im Lauf der Evolution daran angepasst hat.

Wann wir Menschen angefangen haben, uns zu kleiden, ist nicht geklärt. Die frühesten Funde von Nähnadeln reichen weiter zurück, als die ältesten Hölenmalereien. Und während uns das Kochen ein erweiterter Teil unseres Stoffwechsels geworden ist, so wurde aus den Kleidern eine zweite Haut, die uns ermöglicht, in beinahe jedem Klima zu überleben – aber, wenn sie uns fehlt, dann frieren wir – und wir fühlen uns nackt.


“Du bist, was du isst”, sagt ein Sprichwort. “Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.” entgegnet dann aber Bert Brecht. Erst nach der Fresswelle der Nachkriegszeit und der “Grünen Revolution” der siebziger Jahre mit vierzigfacher Vermehrung der landwirtschaftlichen Produktion, konnte in den achtziger und neuziger Jahren die Gegenbewegung beginnen, die Flut an Junk-Food in Frage zu stellen und auffordern, sich auf lokale Erzeuger und handwerklich hochwertige Produktion zu konzentrieren.

Kleidung ist in unserer Gesellschaft – ähnlich wie Lebensmittel – zu einer billigen Massenwahre geworden. Genau wie die Tatsache, dass glücklicher Weise kaum noch Menschen in Deutschland hungern müssen, ist es zunächst ein hohes Gut, dass Kleider in akzeptabler Qualität für alle zu haben sind. Aber noch stärker als das billige Essen erkaufen wir uns die billigen Kleider zu einem hohen Preis, den allerdings nicht wir alleine zahlen, sondern vor allem jene, die für uns diese Kleider in Sklavenarbeit anfertigen müssen; von ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit ist schon der Anbau der Grundstoffe wie zum Beispiel der Baumwolle weit entfernt; und schließlich werden die Textilien chemisch mit Weichmachern und Impregnierungen ausgestattet, die bis zu dreißig Prozent des Gewichts ausmachen! Auch die Farben sind häufig reizend oder sogar giftig. Unsere zweite Haut soll uns schützen und wärmen, nicht aber krank machen!


Wie unser Gesicht, die Mimik und unsere Gesten, gehört unsere Kleidung untrennbar zu unserem Aussehen, mit dem wir anderen Menschen gegenüber in Erscheinung treten. Kleidung soll uns schmücken, uns positiv erweitern, wie die Körperpflege und Kosmetik oder wie unser Haarschnitt – auch in dieser Hinsicht ist Kleidung eine Erweiterung unseres Körpers: Kleidung ist Kommunikation.

Daher wollen wir schöne Kleider. Kleider, die dem entsprechen, was wir über unsere Persönlichkeit ausdrücken wollen. Auch dadurch werden Kleider schließlich zu Mode. Nachhaltige Mode muss damit nicht nur ökologisch und sozial produzieren, sondern auch schön sein!

“Clothes are inevitable. They are nothing less than the furniture of the mind made visible.”
(James Laver)

Geht man den Gedanken der “künstlichen Hüllen” von innen nach außen weiter, so kommt nach dem Essen und Kleiden als nächste Schale das Wohnen und zum Schluss das Reisen – und für alle diese Bereiche lohnt es sich, die Frage nach dem Guten zu stellen.

Mit Slow Fashion versuchen wir, diese beiden wichtigen Aspekte von Mode und Kleidung zu würdigen. Wir suchen nach den guten Kleidern, nach Kleidern, die lange halten – materiell und ideell, mit einer Geschichte, hergestellt mit Kunstfertigkeit, die, wenn wir sie tragen, etwas besonderes zu uns hinzufügen. Mode als Zuckerguss des göttlichen Kuchens – wie bei Baudelaire im Eingangszitat – oder als Sichtbarmachung unserer geistigen Einrichtung – Wir suchen nach wertvoller Mode.

Hier geht es zu unseren sieben Punkten: Was ist Slow Fashion?

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