Mode oder Kleidung?

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“Im Zeitalter der ansteigenden Ohnmacht des subjektiven Geistes gegenüber der gesellschaftlichen Objektivität meldet Mode deren Überschuß im subjektiven Geist an, diesem schmerzhaft fremd, aber Korrektiv der Illusion, er bestünde rein in sich. Mode hat gegen ihre Verächter als Stärkstes anzuführen, daß sie an der triftigen mit Geschichte gesättigten individuellen Regung partizipiert; paradigmatisch im Jugendstil, der paradoxen Allgemeinheit eines Stils der Einsamkeit….Kunst, als Schein, ist Kleid eines unsichtbaren Körpers. So ist Mode Kleid als Absolutes.”
(Adorno, Ästhetische Theorie)

Warum haben wir diesen Blog Slow Fashion und nicht Slow Clothing genannt? Eine Mode ist ja nun definitionsgemäß etwas, dass viele (die Mehrheit?) der Menschen innerhalb einer Kultur als á la mode actuelle, als zeitgemäß empfinden. Auch wenn damit noch nicht notwendiger Weise gemeint ist, dass eine Mode schon nach wenigen Wochen unmodern werden muss, so steht das Zeitgemäße immer im Gegensatz zum Zeitlosen, zum Klassischen, dem Indémodable.

Kleidung ist ein funktionaler Begriff. Unter dem Gesichtspunkt der Kommunikation und Kultur ist das Tragen von Kleidung das Gegenteil zum Nacktsein. Durch Mode aber drücken wir uns aus, zeigen uns zu anderen zugehörig, während wir uns von anderen differenzieren. Kleidung steht zur Mode wie Ernährung zur Küche. Kultiviertheit und Geschmack drücken sich in beiden Fallen nicht nur durch Stil aus – und zu gutem Stil gehört natürlich, auf die Herkunft und Ethik zu achten – sondern auch durch Mode, mit der wir unseren Stil variieren und in einen zeitlichen Zusammenhang setzen.

Meine Großmutter nähte sich ihre Kleider selbst, wie viele Frauen ihrer Generation. Oft wurden die Kleider nur für einen einzigen Anlass, ein einziges Fest genäht. Und zwar selbstverständlich nach der neusten Mode. Das besondere Kleid war – wie das besondere Essen – Zeichen der Wertschätzung und Achtung des Anlass und seiner Gäste. Anregungen lieferten die Modezeitschriften, die hier keineswegs eine nie erreichbare Traumwelt von Models in Laufsteg-Kollektionen präsentieren, sondern ganz handfest als Ideengeber für die eigene Kreativität dienen. Genähtes wie Gestricktes wurde nach kürzerer Zeit wieder aufgetrennt und umgearbeitet. In diesem Spannungsfeld zwischen Sorgfalt und Flüchtigkeit bewegt sich Slow Fashion.

 

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