Was ist Slow Fashion?

Mode scheint dem Klischee nach das pure Gegenteil von Slow. Wir denken bei Mode an rastloses Jagen hinter dem letzten Trend her. Wir stellen uns Kollektionen vor, die jede Saison veralten und kaum getragen in die Lumpensammlung wandern; Käufer, die sich gerne von einem Stildiktat bevormunden lassen. Wir sehen die Massenware der billigen Textilketten, die – gleich ob Marke oder Discountartikel – in Sklavenarbeit in Asien hergestellt wird. Unsere Kleidung stammt ganz und gar aus der Industrialisierung – war nicht dieTextilwirtschaft der allererste Treiber der industriellen Revolution? Waren nicht die Weber deren erste Opfer? Waren nicht die Afrikaner, die zum Baumwollpflücken nach Amerika verschleppt wurden, die ersten Textil-Sklaven? Das Ende des 20. Jahrhunderts markiert gleichzeitig die Extase und schließlich das Ende der traditionellen Textilindustrie: Supply-Chain-Management, Outsourcing, globale Logistik und hocheffizienter Handel sorgten für die nahezu vollständige Zerstörung der Textilfertigung in Europa und den USA. Und mit den Maschinen wandert auch das Know-how aus. Viele früher gängige Fertigungsverfahren können sogar als ausgestorben gelten.

Wäre nicht auch ein Thema wie Fashion slow zu denken? Slow Fashion würde sich in einem veränderten Bewusstsein gegenüber dem Produkt und seinem Ursprung ausdrücken: sorgfältige Herstellung und Auswahl der Rohstoffe, nachhaltige Produktion und hochwertige Verarbeitung sowie ein Handel, der nahe am Produkt geblieben ist.

Was ist also Slow Fashion?

1. Slow Fashion ist langlebig. Sie ist Kleidung, die uns lange begleitet. Das beginnt beim Stoff, der mit Sorgfalt hergestellt wird. Die Produktionskette ist kurz und bleibt für alle Beteiligten überschaubar. Slow Fashion braucht kaum chemische Ausstattung, damit die Stoffe dem Design genügen. Die hochwertige Verarbeitung entspricht der Qualität des Materials. Slow Fashion hat eine hohe Haltbarkeit, weil sie länger als eine Saison halten will. Der Hersteller steht persönlich für sein Produkt. Schnitte und Farben müssen nicht klassisch oder konservativ sein; Slow Fashion ist keine Saisonware; an Slow Fashion sieht man sich nicht schnell satt.

2. Slow Fashion ist gemacht. Die einzelnen Schritte der Produktion – von der Faser, der Farbe bis zur Verarbeitung – bleiben sichtbar. Jedes Teil ist daher auch ein Einzelstück.

3. Slow Fashion zielt auf Perfektionierung. Slow Fashion zeichnet sich nicht notwendig dadurch aus, dass sie etwas ganz Neues auf dem Markt darstellt. Viel wichtiger ist der Aspekt einer immer weiter verbesserten und bewährten Qualität, die auf die Gewohnheiten der Menschen zugeschnitten ist. Bei Slow Fashion kommen sowohl bewährte Fertigungstechniken und Materialien wie neue Technologien und Produktionsmethoden zum Einsatz. Slow Fashion ist nachhaltig und zukunftstauglich.

4. Slow Fashion ist auratisch. Slow Fashion bringt die Austrahlung der Person, die sie trägt, zur Geltung. Slow Fashion degradiert ihren Träger nicht zum Statisten, sondern verstärkt wie eine Resonanzschicht die Persönlichkeit des Menschen, der sie trägt. Slow Fashion verlangt einen mündigen Nutzer, der seiner eigenen Identität und seinem eigenen Stil vertraut.

5. Slow Fashion ist uns nahe. Sie ist Mode, die uns kleidet, uns wie eine weitere Haut umgibt. Nichts ist unserem Körper ständig so nah auf der Haut wie unsere Kleider. Slow Fashion ist wie eine zweite Haut.

6. Slow Fashion erzählt eine Geschichte. Slow Fashion hat eine Herkunft, die man ihr ansieht. Man spürt den Ort, von dem sie stammt und sieht die Zeit, in der sie entstanden ist. Slow Fashion erzählt diese Geschichten aktiv in Form einer lebendigen Kommunikation zwischen Hersteller, Werkstück und Träger.

7. Slow Fashion ist schön.

Jörg Blumtritt
Sabria David
Benedikt Köhler
Alice Scheerer

Weiterlesen in unserem Blog: http://slow-fashion.net

Kommentare zu diesem Beitrag

[...] Was ist Slow Fashion [...]

Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Die Begriffe »Mode« oder »Fashion« passen hier nicht. »Kleidung« oder »Clothing« wäre in diesem Zusammenhang weit treffender. Zu diesem Thema habe ich mich ja vor längerer Zeit schon zuhause ereifert: http://maennig.de/2009/10/gruene-mode/

@maennig auf die von dir angesprochene, wichtige Frage “Mode oder Kleidung” habe ich gleich einen eigenen Post als Antwort geschrieben:
http://slow-fashion.net/mode-oder-kleidung

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